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Es gab eine Zeit, in der ein Abend ohne Alkohol in Berlin bedeutete: Apfelschorle, Leitungswasser oder ein mitleidiger Blick vom Barpersonal. Diese Zeit ist vorbei. In den letzten Jahren hat sich in der Hauptstadt eine Trinkkultur etabliert, die alkoholfreie Getränke nicht mehr als Notlösung behandelt, sondern als eigenständige, oft überraschend komplexe Kategorie. Wer heute durch Neukölln, Friedrichshain oder Schöneberg zieht, findet Bars, die alkoholfreie Cocktails mit derselben Sorgfalt entwickeln wie ihre spirituosenhaltigen Pendants. Wir im Bonvivant beobachten diesen Wandel nicht nur von außen, wir sind seit Jahren Teil davon.
Zeit, einen genaueren Blick auf diese Entwicklung zu werfen: auf die Zahlen dahinter, die Orte, die sie prägen, und die Frage, warum „alkoholfrei" längst nicht mehr gleichbedeutend mit „geschmacklos" ist.



Der Boom des bewussten Trinkens: Zahlen, die für sich sprechen

Mindful Drinking ist kein Nischenphänomen mehr, sondern ein messbarer Markttrend. Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes und des Marktforschungsunternehmens NielsenIQ überschritten alkoholfreie Biere und Biermischgetränke 2025 beim Umsatz im deutschen Lebensmittelhandel erstmals die Zehn-Prozent-Marke. Gemessen am Konsum liegt alkoholfreies Bier mit rund zehn Prozent bereits auf Platz drei der beliebtesten Sorten, hinter Pils und Hellem. Auch der Dry January hinterlässt sichtbare Spuren im Kaufverhalten: Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts wurde im Januar 2024 in großen deutschen Supermarktketten 49,7 Prozent weniger Alkohol verkauft als im Dezember 2023, ein stärkerer Einbruch als in den Jahren zuvor. Das sind keine Zahlen einer kurzlebigen Modeerscheinung, sondern Belege für einen strukturellen Wandel im Umgang mit Alkohol. Was früher als Verzicht galt, wird zunehmend als bewusste, positive Entscheidung verstanden: nicht als Einschränkung, sondern als eigene Genusskategorie.




Wo Berlin nüchtern feiert: Die neue Bar-Szene

Diese Entwicklung hat in Berlin sichtbare Orte geschaffen, auch wenn der Weg dorthin nicht immer geradlinig verlief. 2020 eröffnete in Friedrichshain mit Zeroliq eine der ersten rein alkoholfreien Bars Deutschlands, gegründet von Slavena und Peter, die eine Auswahl aus rund dreißig alkoholfreien Craft-Bieren sowie zahlreichen Weinen kuratierten. Ende 2022 musste die Bar schließen, ein Beleg dafür, dass Pionierarbeit in diesem noch jungen Segment kein Selbstläufer ist. Weiter etabliert hat sich seither der Mindful Drinking Club in Prenzlauer Berg: Seit 2021 betreiben Jennifer Kießling und Max Lielje dort einen Laden mit Showroom und Tasting-Space rund um hochwertige alkoholfreie Weine, Sekte, Spirituosen-Alternativen und sogenannte „Wine Proxies".
Am Funkhaus in Treptow-Köpenick startete im Mai 2026 das Projekt AMPHITHEATRE von CIRCADIAN-Gründer Mahmoud Abdelhafez: eine wöchentliche Open-Air-Reihe direkt an der Spree, die japanische Teekultur, elektronische Musik und alkoholfreie Cocktails verbindet. Und in Neukölln zeigen etablierte Cocktailbars wie das TiER an der Weserstraße oder das Zum Krokodil, dass alkoholfreie Cocktails längst nicht mehr nur Beiwerk der regulären Karte sind, sondern gleichwertig mitgedacht werden.
 

Ort / ProjektBezirkKonzept
Mindful Drinking ClubPrenzlauer BergLaden, Showroom und Tasting-Space für alkoholfreie Weine, Sekte und Spirituosen-Alternativen, seit 2021
AMPHITHEATRE by CIRCADIANTreptow-Köpenick (Funkhaus)Wöchentliche Open-Air-Reihe mit japanischer Teekultur, Musik und alkoholfreien Cocktails, seit Mai 2026
TiER / Zum KrokodilNeuköllnEtablierte Cocktailbars mit ernsthaft ausgearbeiteten alkoholfreien Cocktails neben der regulären Karte
Zeroliq (2020–2022)FriedrichshainPionier unter den rein alkoholfreien Bars Deutschlands, mittlerweile geschlossen
BonvivantSchönebergAlkoholfreies Pairing auf Augenhöhe mit dem Menü, eigene „Kein Wein"-Karte



Die „Kein Wein"-Idee: Wie das Bonvivant alkoholfreies Pairing zum Standard machte

Als eines der ersten Restaurants Berlins widmete das Bonvivant alkoholfreien Wein-Alternativen eine eigene Karte: „Kein Wein". Entwickelt wurde sie von Elias Heintz, der die Bar des Bonvivant über mehrere Jahre prägte und heute verstärkt im Management aktiv ist. Für ihn war früh klar, dass ein guter Cocktail keinen Alkohol braucht, um mit vollem Geschmack zu überzeugen. Wichtig ist ihm dabei aber die Balance zwischen beiden Welten: Man solle bei ihnen ebenso gerne einen klassischen Boulevardier trinken können. Es geht also nicht darum, Alkohol zu verteufeln, sondern beiden Kategorien den gleichen Raum und dieselbe Sorgfalt zu geben.

„Wir geben alkoholfreien und alkoholischen Drinks gleich viel Raum."
- Elias Heintz, langjähriger Barchef des Bonvivant


Andersherum gedacht: Die Philosophie hinter dem heutigen Barteam

Die Bar des Bonvivant wird heute von Martin Wolf geführt, der zuvor als Head Bartender im Frederick's arbeitete und dort die enge Verbindung zwischen Küche und Tresen für sich entdeckte. Wolf führt den alkoholfreien Ansatz seines Vorgängers nicht einfach fort, er dreht die Reihenfolge der klassischen Cocktailentwicklung um: Zuerst entsteht die alkoholfreie Version eines Drinks, erst danach, wenn gewünscht, die Variante mit Spirituosen. Diese Denkweise verlangt handwerklich mehr Präzision, denn ohne Alkohol als geschmacklichen Verstärker müssen Aromen, Säure und Textur allein für Tiefe sorgen. Im engen Austausch mit der Küche entstehen so Getränke, die gezielt Aromen aus dem Menü aufgreifen, etwa Wacholdernoten aus einem Gericht, übersetzt in einen alkoholfreien Gin-Ansatz an der Bar.



Warum „alkoholfrei" nicht „geschmacklos" bedeutet

Der Irrglaube, ein Drink brauche Prozente, um Tiefe zu entwickeln, hält sich hartnäckig, hat aber mit der Realität moderner Barkultur wenig zu tun. Alkohol ist streng genommen vor allem ein Lösungsmittel für Aromen und ein Texturgeber, kein Geschmack an sich. Wer stattdessen mit fermentierten Säften, Verjus, Shrubs, Kräuterdestillaten oder eigens hergestellten Bittern arbeitet, kann dieselbe Komplexität erreichen, muss dafür aber genauer arbeiten. Genau diese Präzision ist es, die alkoholfreies Pairing im Bonvivant auszeichnet: Gäste, die sich für die alkoholfreie Begleitung zum Menü entscheiden, erleben keine reduzierte Version des Abends, sondern eine gleichwertige, eigenständig komponierte.



Was das für einen Besuch im Bonvivant bedeutet

Wer im Bonvivant reserviert, muss sich nicht zwischen Genuss und Nüchternheit entscheiden, beides ist von Anfang an mitgedacht. Zum sechs- oder siebengängigen Menü gehört standardmäßig die Wahl zwischen alkoholischer und alkoholfreier Getränkebegleitung, beide werden mit derselben kulinarischen Ernsthaftigkeit entwickelt wie die Gänge selbst. Diese Haltung zeigt sich auch am Weinregal: Die alkoholfreie Auswahl setzt bewusst auf biodynamische Weine oder Betriebe im Zertifizierungsprozess, keine industrielle Massenware. Wer mehr über das gesamte Konzept aus Fine Dining und Bar erfahren möchte, findet auf unserer Seite weitere Details zu Ablauf und Menüformat.

 




FAQs - Häufig gestellte Fragen

Gibt es im Bonvivant eine alkoholfreie Getränkebegleitung zum Menü?
Ja. Zu jedem Gang des Dinner-Menüs wird sowohl eine alkoholische als auch eine alkoholfreie Variante angeboten, beide werden mit gleicher Sorgfalt entwickelt.
 
Was ist die „Kein Wein"-Karte im Bonvivant?
Es ist eine eigene Getränkekarte für alkoholfreie Wein-Alternativen, die überwiegend auf biodynamische Weine oder Betriebe im Zertifizierungsprozess setzt.
 
Warum boomt Mindful Drinking gerade in Berlin?
Neben einem bundesweiten Trend zu bewusstem Alkoholkonsum, sichtbar etwa am wachsenden Marktanteil alkoholfreier Biere, hat sich in Berlin eine eigene Szene aus Bars, Kollektiven und Projekten entwickelt, die alkoholfreie Getränke handwerklich ernst nimmt.
 
Muss ich mich bei der Reservierung für eine Variante entscheiden?
Nein, die Wahl zwischen alkoholischer und alkoholfreier Begleitung trefft ihr flexibel vor Ort, je nach Lust und Laune des Abends.