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„Der vegane Boom ist vorbei", liest man in letzter Zeit öfter in Medienberichten, meist garniert mit Verweisen auf schließende Restaurants, sinkende Börsenkurse von US-Fleischersatz-Pionieren oder optisch ausgedünnte Supermarktregale.

Schlagzeilen wie diese suggerieren schnell eine Kehrtwende im Konsumverhalten: War das Ganze am Ende doch nur eine kurzlebige Modeerscheinung einer hippen Großstadt-Bubble?
Gleichzeitig zeichnet die Realität vor Ort ein völlig anderes Bild: Laut dem weltweiten HappyCow-Ranking 2025 rangiert Berlin international auf Platz zwei der veganfreundlichsten Städte der Welt; direkt hinter London und noch vor Metropolen wie New York, Los Angeles oder Bangkok. Beides existiert zeitgleich, und genau dieses scheinbare Paradoxon macht die aktuelle Lage so spannend.

Wer die Entwicklungen verstehen will, darf nicht bei oberflächlichen Schlagzeilen stehen bleiben. Wir haben uns die aktuellen Marktzahlen, Statistiken und Branchenberichte genauer angeschaut: Von der angespannten Lage der Berliner Gastronomie über strukturelle Veränderungen im Lebensmitteleinzelhandel bis hin zur Dynamik auf Social Media und den Reifeprozessen der Konsumentenseite. Das Ergebnis ist eine differenzierte Bestandsaufnahme einer Branche im Wandel, die zeigt: Wir erleben keineswegs das Ende der pflanzlichen Küche, sondern ihren Übergang von einer lautstarken Hype-Phase in eine nachhaltige Normalisierung.



Berlins vegane Restaurantszene: Robustes Wachstum trotz historischer Gastro-Krise

Um die Situation der veganen Restaurants in Berlin realistisch einzuschätzen, muss man zunächst den Rahmen betrachten, in dem sich die Gastronomie aktuell insgesamt bewegt. Die Branche befindet sich bundesweit und insbesondere in Berlin in einer der schwierigsten Phasen der letzten Jahrzehnte. Kumulierte Kostensteigerungen bei Lebensmitteln und Energie von rund 30 Prozent, der Fachkräftemangel sowie die Rückkehr zum regulären Mehrwertsteuersatz setzen vielen Betrieben schwer zu. Nach aktuellen Berechnungen von Branchenbeobachtern und Verbänden könnten in den kommenden Jahren bis zu 30 Prozent der Berliner Gastronomiebetriebe zum Aufgeben gezwungen sein. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete die Stadt rund 2.900 Insolvenzen und Betriebsaufgaben im Gastgewerbe. Prominente und etablierte Adressen wie das Tante Fichte in Kreuzberg oder das Osterberger in Neukölln mussten in diesem extrem herausfordernden Umfeld ihre Türen schließen.

Vor diesem düsteren Hintergrund zeigt sich die vegane und vegetarische Szene in der Hauptstadt jedoch überraschend widerstandsfähig. Berlin zählt aktuell über 100 rein vegane Restaurants und weit mehr als 450 Gastronomiebetriebe mit einem explizit ausgewiesenen, umfangreichen pflanzlichen Angebot. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Zahl der als veganfreundlich gelisteten Adressen um rund 7 Prozent. Natürlich bleiben auch rein pflanzliche Konzepte nicht von Marktveränderungen verschont: Frühere Pionier-Projekte und Klassiker der Berliner Szene wie The Bowl in Friedrichshain oder die vegane Pizzeria Sfizy Veg in Neukölln gibt es mittlerweile nicht mehr. Doch Branchenexperten werten diese Abgänge keineswegs als Symptom eines branchenweiten Niedergangs, sondern als normale Fluktuation in einem gesättigten, hochdynamischen Markt.

Interessant ist dabei die Beobachtung, welche Betriebe im aktuellen Marktumfeld scheitern und welche erfolgreich bleiben. Die Welle der Betriebsschließungen in der Gesamt-Gastronomie trifft vor allem Lokale ohne klares kulinarisches Profil, sprich: das durchschnittliche Austauschbare.
Dem gegenüber stehen Konzepte mit einer unverwechselbaren Identität, kompromissloser Qualität und einer klaren Haltung. Ob puristische japanische Spezialitätenküche, fokussierte Naturwein-Bars mit kleiner Karte oder eben kompromissloses veganes Fine Dining: Ein geschärftes Profil und handwerkliche Exzellenz sind heute wichtiger für das Überleben am Markt als die reine Entscheidung darüber, ob ein Restaurant omnivor, vegetarisch oder vegan ausgerichtet ist.

Kennzahl / IndikatorAktueller Wert / Entwicklung
Rein vegane Restaurants in Berlinüber 100 Betriebe
Vegan-freundliche Lokale gesamt (mit umfangreichem Angebot)über 450 Betriebe
Wachstum vegan-freundlicher Adressen (Vorjahr)ca. +7 %
HappyCow Global Ranking (2025)Platz 2 weltweit (hinter London)
Insolvenzen / Schließungen Berliner Gastronomie gesamt (Vorjahr)ca. 2.900 Betriebe
Prognostizierte Schließungsquote Gesamt-Gastro (kommende Jahre)bis zu 30 %



Vom Nischenphänomen zur Gourmetklasse: Die Evolution des Geschmacks

Ein wesentlicher Grund für die Konsolidierung der Szene liegt im Wandel der Gästeansprüche. Während in den Anfangsjahren des veganen Booms oft schon die schlichte Anwesenheit pflanzlicher Alternativen ausreichte, um ein dankbares Publikum anzuziehen, reicht das bloße Label „vegan“ heute längst nicht mehr aus. Die Zeiten, in denen lieblos gewürzte Tofuwürfel oder trockene Getreidebratlinge auf Nachfrage serviert wurden, sind definitiv vorbei. Die Berliner Gastronomie hat gelernt, dass pflanzliche Zutaten nicht als Ersatz für Fleisch verstanden werden müssen, sondern als eigenständige, komplexe Geschmacksträger mit enormem kulinarischem Potenzial.

Diese Entwicklung zeigt sich besonders in der gehobenen Gastronomie. Immer mehr Spitzenköche in Berlin nutzen die Vielseitigkeit von Fermentation, Räuchern, Dämpfen und Reifen, um Gemüse, Pilzen und Kräutern Geschmacksdimensionen zu entlocken, die klassische Fleischgerichte mühelos in den Schatten stellen. Es geht nicht mehr um Verzicht oder das Imitieren bekannter Gerichte, sondern um ein vollwertiges, eigenständiges Genusserlebnis. Die Berliner Szene hat bewiesen, dass rein pflanzliche Küche spektakulär, tiefgründig und hochelegant sein kann.



Wir selbst als Teil dieser Entwicklung: Unser Weg im Bonvivant

Unsere eigene Geschichte spiegelt diesen strukturellen Wandel wider. Auch wir haben festgestellt, dass Vertiefung und konsequente Schärfung des Konzepts in Zeiten des Marktwandels der Schlüssel zum Erfolg sind. Anfang 2025 haben wir unser Abendangebot im Bonvivant vollständig auf ein rein veganes Menü umgestellt; seit 2026 ist auch unser beliebter Brunch komplett frei von tierischen Produkten wie Milch, Butter oder Eiern.

Diese Entscheidung haben wir nicht aus einer kurzfristigen Trendlaune heraus getroffen oder weil Marketingstrategen uns dazu geraten hätten. Wir waren zutiefst davon überzeugt, dass pflanzliche Zutaten die perfekte Leinwand für moderne, kreative Spitzengastronomie bieten. Die Bestätigung folgte durch den stetigen Zuspruch unserer Gäste sowie die Anerkennung unserer Arbeit in der gehobenen Gastronomie.

Für uns untermauert diese Entwicklung eine zentrale Erkenntnis, die sich nahtlos mit den aktuellen Zahlen der Berliner Gastronomie deckt: Die moderne Gästegeneration entscheidet nicht primär danach, ob ein Restaurant ein bestimmtes ideologisches Label trägt, sondern ob das Gesamterlebnis, die handwerkliche Qualität und der Geschmack überzeugen. Es geht weniger um die Frage, wer sich dauerhaft rein vegan ernährt, sondern darum, wie unvergesslich ein Abend im Restaurant ist. Die Entkopplung von steifer Ernährungslehre hin zu kompromissloser Erlebnisqualität ist der eigentliche Schlüssel, um die Entwicklungen am Markt richtig zu verstehen.



Einzelhandel und Fleischersatz: Die Sache mit den Zahlen und der Sättigung

Warum aber hält sich die Erzählung vom scheiternden Trend so hartnäckig? Der Hauptgrund liegt in den Daten aus dem Lebensmitteleinzelhandel, die oft ungesondert mit der Gastronomie in einen Topf geworfen werden. Laut dem Statistischen Bundesamt ist die Produktion von vegetarischen und veganen Fleischersatzprodukten in Deutschland im Jahr 2025 erstmals seit vielen Jahren leicht zurückgegangen: Die produzierte Menge sank um 1,2 Prozent auf 124.900 Tonnen, während der Produktionswert um 2.2 Prozent auf etwa 632,6 Millionen Euro nachgab.

Liest man nur diese zwei Zahlen isoliert, klingt das schnell nach einer Trendwende. Betrachte man jedoch den historischen Kontext, relativiert sich dieses Bild gewaltig: Trotz dieses minimalen Dämpfers hat sich die Produktionsmenge von Fleischersatzprodukten seit 2019 (damals 60.400 Tonnen) mehr als verdoppelt. Nach sechs Jahren mit teils zweistelligen bis dreistelligen Wachstumsraten ist ein minimales Minus von 1,2 Prozent kein Kollaps, sondern ein lehrbuchartiges Zeichen für eine beginnende Marktbereinigung und Sättigung. Ähnliche Effekte lassen sich historisch in fast allen schnell wachsenden Konsumgütersegmenten beobachten; von Bio-Lebensmitteln über Pflanzendrinks bis hin zu handwerklich gebrautem Craft Beer.

Auch die großen Akteure im Lebensmitteleinzelhandel reagieren auf diese Entwicklung, aber keineswegs mit einem Rückzug. Der Handelsriese Rewe, nach eigenen Angaben unangefochtener Marktführer bei Absatz und Umsatz mit veganen Produkten in Deutschland, hat sein Sortiment von über 2.300 pflanzlichen Artikeln kürzlich neu strukturiert. Mit der Aufteilung in die Eigenmarken-Linien „Rewe Bio Pflanzlich" und „Rewe Beste Wahl Pflanzlich" verfolgt der Konzern das Ziel, Barrieren abzubauen und gezielt auch jene Kundengruppen anzusprechen, die sich selbst nicht als Veganer definieren, aber regelmäßig zu pflanzlichen Alternativen greifen.

„Wir gelten bei Absatz und Umsatz veganer Produkte als Marktführer in Deutschland."
- aus einer offiziellen Unternehmensmitteilung der Rewe Group

Diese strategische Umbenennung und Neusortierung ist ein klares Reifezeichen des Marktes: Pflanzliche Lebensmittel wandern aus der spezialisierten Nische oder dem isolierten „Reformhaus-Regal“ mitten in den Hauptstrom der täglichen Nahrungsversorgung. Was früher eine hochspezifische Subkultur bediente, wird heute als selbstverständliche Option für die breite Masse inszeniert. Das ist kein Zeichen von schwindendem Interesse, sondern der endgültige Beweis für die Normalisierung im Alltag.



Digitaler Wandel: Wie veganer Content auf Social Media erwachsen wird

Parallel zu den Zahlen aus Gastro und Handel lohnt sich ein Blick auf die digitale Begleitmusik. Social Media gilt seit jeher als Frühindikator für gesellschaftliche Strömungen. Daten der Analyseplattform influData zeigen: Content-Creator aus den Bereichen pflanzliche Ernährung, Nachhaltigkeit und Food-Lifestyle verzeichnen in Deutschland weiterhin kontinuierliche Zuwächse. Allein die reichweitenstärksten Berliner Profile in diesem Segment kommen zusammen auf eine Reichweite von mehreren Millionen Impressionen monatlich, oft begleitet von zweistelligem Follower-Wachstum.

Etablierte Influencerinnen und Influencer wie Vania Rösch oder Philipp Steller erreichen Hunderte von Tausenden Menschen täglich. Doch auch hier hat sich der Inhalt tiefgreifend verändert. Ging es vor einigen Jahren primär um den Selbstversuch („30 Tage vegan“), reine Einkaufs-Hacks oder simple Ersatzprodukt-Tests, stehen heute komplexere Themen im Fokus: Kulinarische Inspiration, fundierte Ernährungswissenschaft, Restaurantkritiken und die Suche nach echtem Handwerk. Schätzungen zufolge ernähren sich derzeit etwa 10 Prozent der Menschen in Deutschland vegetarisch oder vegan. Obwohl das nach wie vor eine Minderheit ist, bildet sie eine überproportional aktive, kaufkräftige und vernetzte Zielgruppe, die den öffentlichen Diskurs über Essen und Genuss maßgeblich mitprägt.



Synthese: Wie die verschiedenen Ebenen zusammenhängen

Schaut man sich die Ergebnisse der einzelnen Bereiche an, lösen sich die vermeintlichen Widersprüche schnell auf. Die Gesamtentwicklung lässt sich klar in drei Ebenen gliedern, die unterschiedlichen Gesetzen folgen:

Wer diese Ebenen durcheinanderwirft, zieht falsche Schlüsse. Ein leichter Rückgang beim Verkauf industrieller Ersatz-Nuggets im Supermarkt bedeutet keineswegs, dass Menschen keine Lust mehr auf ein exzellentes, rein pflanzliches Abendessen in einem inspirierenden Restaurant haben. Für die Gastronomie bedeutet das: Die Ära des reinen Trends ist vorbei, es beginnt die Ära der Qualität.



Was das für euren nächsten Besuch bei uns bedeutet

Wenn ihr euch die Frage stellt, ob die vegane Gastronomie in Berlin ihren Höhepunkt überschritten hat, lautet unsere Antwort: Die Hype-Phase ist vorbei, aber die eigentliche Blütezeit beginnt gerade erst. Der Markt sortiert sich, Spreu trennt sich vom Weizen, und was bleibt, ist der Fokus auf echtes Geschmackserlebnis, Kreativität und Gastfreundschaft. Wir im Bonvivant freuen uns darauf, diesen Weg weiterzugestalten und zu zeigen, wie aufregend rein pflanzliche Küche sein kann.



FAQs - Häufig gestellteFragen 

Schließen aktuell viele vegane Restaurants in Berlin?
Nein. Es gibt zwar vereinzelte Schließungen, die im Rahmen des allgemeinen Gastronomie-Wandels normal sind, insgesamt wächst die Zahl der veganen und veganfreundlichen Adressen in Berlin jedoch weiterhin (zuletzt um ca. 7 % im Jahresvergleich).
 
Warum ist die Produktion von Fleischersatzprodukten leicht gesunken?
Nach einer Vervielfachung der Produktionsmengen seit 2019 erlebt der Markt für verpackte Ersatzprodukte eine normale Konsolidierung auf sehr hohem Niveau (-1,2 % im Jahr 2025 laut Statistischem Bundesamt).
 
Ist der Trend zur veganen Ernährung in der Gastronomie vorbei?
Der reine „Hype“ weicht einer nachhaltigen Normalisierung. Gefragt sind heute weniger reine Ersatzprodukte, sondern handwerklich anspruchsvolle, geschmacklich überzeugende Gerichte und klare kulinarische Konzepte.
 
Bietet das Bonvivant ausschließlich vegane Speisen an?
Ja, sowohl unser Fine-Dining-Abendmenü als auch unser Wochenend-Brunch sind vollständig rein pflanzlich gestaltet.